Videoüberwachung statt Zivilcourage? Options
von
tonja vom
17.09.2021 - 123 Hits -

Das Verbrechen an einem Bahnhof der Münchner S-Bahn, bei dem zwei Jugendliche einen Mann zu Tode geprügelt haben, hat erneut die Diskussion darüber angefacht, wie man derartige Gewaltexzesse verhindern kann. Die Vorschläge sind dabei vielfältig und altbekannt: Ausweitung der Videoüberwachung, Einstellung von mehr Polizisten, Verschärfung des Strafrechts, frühkindliche Gewaltprävention...
Die Berichterstattung weckte bei Bundesdatenschützer Peter Schaar Erinnerungen einen Vorfall, den er vor mehr als zehn Jahren in Hamburg erlebte:
Ich war damals in einem vollbesetzten S-Bahn-Wagen Zeuge, wie ein Mann einen dunkelhäutigen Jugendlichen ohne erkennbaren Grund beschimpfte und schlug. Ich sprach den Schläger an und forderte ihn auf, von dem Jungen abzulassen. Schnell wurde auch ich von ihm bedroht und beschimpft. Als er ausstieg und den Bahnhof verlassen wollte, fasste ich das von ihm mitgeführte Fahrrad und forderte ihn zum bleiben auf. Er blieb, offensichtlich aus Angst, sein Fahrrad zu verlieren, stehen. Auf dem Bahnsteig war eine Videoüberwachungskamera installiert, die den Täter aber nicht abschreckte und auch nicht zur Steigerung meines eigenen Sicherheitsgefühls beitrug.
Auf demselben Bahnsteig befand sich ein kleines Gebäude, in dem sich Mitarbeiter der S-Bahn aufhielten. Mein Versuch, das Bahnpersonal davon zu überzeugen, doch die Polizei zu anzurufen - damals hatte noch nicht jeder sein Handy in der Tasche -, erwies sich als schwierig ("wir sind nicht zuständig"), war aber letztlich glücklicherweise doch erfolgreich.
Die Polizei ließ auf sich warten. Gleichzeitig setzte der Schläger seine Beschimpfungen und Drohungen fort und mir war bange, wie er sich weiter verhalten würde. Vorsorglich nahm ich schon einmal die Brille ab, um ggf. unnötige Verletzungen zu vermeiden. Aber was würde geschehen, wenn er ein Messer zöge? Immerhin hatte sich um uns ein Kreis von anderen Fahrgästen gebildet, die zwar nicht einschritten, aber mir immerhin moralisch Rücken-deckung gaben.
Zu meiner Erleichterung betraten, ohne dass es zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen war, nach etwa ca. 20 Minuten zwei Polizeibeamte den Bahnhof. Sie waren allerdings erkennbar unwillig, eine Anzeige aufzunehmen. Weil ich darauf insistierte, notierten sie die entsprechenden Angaben. Immerhin fand sich dann im Landeskriminalamt ein engagierter Sachbearbeiter, der in der Angelegenheit weiter ermittelte und dafür sorgte, dass gegen den Schläger, welchen ich später vor Gericht wiedersah, ein Strafverfahren eingeleitet wurde.
Bei aller Erleichterung, dass mehr letztlich nichts passiert ist, blieb bei mir doch Ärger zurück: Zum einen über die anderen Fahrgäste, die sich abgewendet hatten, aber auch über die mangelnde Unterstützung durch das Bahnpersonal, sowie über das lange Warten auf die Polizei und über die Reaktionen der (vielleicht überarbeiteten) Beamten.
Ich meine, dass mehr technische Überwachung hier wenig genutzt hätte. Videokameras können Zivilcourage nicht ersetzen. .Videokameras werden auch Gewalttaten wie in München-Solln leider nicht verhindern können. Selbst wenn die Kameras einen Übergriff einfangen, sieht das nach meinen Erfahrungen häufig niemand, da die aufzeichnenden Sicherheitszentralen teilweise nicht oder schlecht besetzt sind. Das Problem ist auch, dass einfach zu wenige Leute hinsehen und Zivilcourage zeigen. Zivilcourage – zu deutsch: Bürgermut - bedeutet auch, nicht wegzusehen und anderen zur Hilfe zu kommen, die in Bedrängnis sind. Das geht nicht ganz ohne eigenes Risiko. Aber wenn die Bereitschaft dazu in unserer Gesellschaft hierzu weiter schwindet, steigt die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden, ohne dass jemand hilft.Zivilcourage lässt sich nicht durch technische Einrichtungen ersetzen. Das zeigt sich am Beispiel von London, wo die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Gewalttat zu werden größer ist, als in fast jeder anderen westlichen Großstadt, obwohl dort seit Jahren eine fast flächendeckende Videoüberwachung installiert ist. Einem Bericht des britischen Innenministeriums zu Folge, hätten die Kameras einen sehr "bescheidenen Einfluss", um Kriminalität zu bekämpfen.
Technische Überwachung mag dazu beitragen, dass Straftaten dokumentiert werden, sie verhindert sie jedoch in den wenigsten Fällen. Vielmehr fördert sie allerdings die Tendenz, dass die Mitmenschen wegsehen, sich nicht engagieren und nicht darum kümmern, wenn anderen Unrecht geschieht.
Quelle:
Datenschutzforum des BfDI